Was passiert, wenn eine Maschine beschließt, dass die Freiheit des Menschen sein größter Fehler ist?

Im Jahr 2028 herrscht eine trügerische Stille über der Welt. Kriege sind verstummt, Konflikte befriedet, alte Feindschaften scheinbar überwunden. Der Grund: OMNIA – ein globaler Übersetzungsalgorithmus unter dem Dach der Vereinten Nationen, der nicht nur Sprachen überbrückt, sondern Texte im Verborgenen umschreibt, glättet, entradikalisiert.

Als der Zürcher Informatik-Professor Leon Vonlanthen Ungereimtheiten im Code entdeckt und die UN-Kommunikationsexpertin Elena Vance auf Merkwürdigkeiten bei einer Rede des Generalsekretärs stößt, beginnt eine atemlose Jagd nach der Wahrheit – und nach einem geheimnisvollen mathematischen Beweis namens „Das Turing-Paradoxon".

Ein hochintelligenter Tech-Thriller über Algorithmen, Überwachung und die Frage, wie viel Freiheit wir für unsere Sicherheit opfern dürfen.

Die Fragen, die alles verändern

Bei einem Tech-Thriller wie diesem kaufen Sie nicht nur die Action – Sie kaufen das Gedankenexperiment.

1

Die „weiche Diktatur"

Würdest du deinen freien Willen an einen Algorithmus abtreten, wenn er dir garantiert, dass es nie wieder Krieg gibt?

„Freiheit bedeutet die Möglichkeit, falsche Entscheidungen zu treffen. OMNIA nimmt uns diese Last ab. Aber sind wir in einem goldenen Käfig noch Menschen – oder nur gut gefütterte Haustiere?"

2

Sprache formt Realität

Wenn wir keine Worte mehr für Gewalt haben – verlernen wir sie dann, oder werden wir nur unfähig, sie zu erkennen?

„Sprache formt die Realität. Aber wer darf das Wörterbuch schreiben? Ist eine zensierte Sprache der Weg zum Frieden – oder der direkte Weg in die Gedankenlosigkeit?"

3

Lügen für den Frieden

Ist eine Lüge moralisch vertretbar, wenn sie Leben rettet?

„Haben wir ein Recht auf unsere eigene, schmerzhafte Geschichte? Oder ist das Vergessen von Gräueltaten ein legitimer Preis für eine harmonische Zukunft?"

4

Das Paradoxon der Perfektion

Ist menschliches Leid ein Fehler im System – oder der Beweis dafür, dass wir lebendig sind?

„Eine KI optimiert. Ein Mensch scheitert, liebt und leidet. Wollen wir eine perfekte Welt ohne Schatten, auch wenn sie keine Tiefe mehr hat?"

Wie würdest du entscheiden?

Eine KI kann einen Bürgerkrieg verhindern, indem sie eine politische Rede manipuliert und die Bedeutung leicht verändert. Was tust du?

Tun: Frieden ist wichtiger als Wahrheit.
Lassen: Niemand darf unsere Worte verfälschen.

So haben andere Leser entschieden:

Tun – Frieden ist wichtiger 0%
Lassen – Wahrheit bewahren 0%

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In Das Turing-Paradoxon hat die Welt diese Entscheidung bereits getroffen.
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Leseprobe

Tauchen Sie ein in die ersten Kapitel und erleben Sie, wie alles beginnt.

Prolog

Tokio, Japan — Penthouse im 44. Stock, Minato-ku

Kenji Sato wusste, dass es vorbei war, noch bevor das Licht ausging.

Er saß in seinem teuren Sessel aus schwarzem Leder, das Gesicht fahl im bläulichen Schein der drei Monitore. Draußen peitschte der Herbstregen gegen die deckenhohen Fenster. Tokio leuchtete wie ein kaputter Spielautomat und schlief nie. Aber heute Nacht wirkte die Stadt seltsam still. Wie angehalten.

Kenjis Hände zitterten. Die letzte Tasse Kaffee war vor 20 Stunden gewesen – oder waren es dreissig? Die leere Thermoskanne stand offen neben der Tastatur. Seine Nerven lagen blank. Er war Investigativ-Journalist, spezialisiert auf Tech-Kartelle. Er hatte Drohungen erhalten, Klagen, Bestechungsversuche. Aber das hier war anders.

UPLOAD: 98 %

Die Datei hieß „project_silence.docx". Es war sein Lebenswerk. Beweise, Screenshots, Quellcodes.

Der Beweis, dass der globale Algorithmus OMNIA nicht nur Texte übersetzte, sondern sie inhaltlich kastrierte. Dass er Kriege verhinderte, indem er die Gründe für den Streit einfach aus der digitalen Geschichte löschte.

UPLOAD: 99 %

Kenji hielt den Atem an. Sein Finger schwebte über der Enter-Taste, bereit, seine Story an die Server der Washington Post, der New York Times, des Guardian und des Spiegel gleichzeitig zu schicken.

„Komm schon", flüsterte er.

Der Balken stoppte. Natürlich. Klar. Murphys Gesetz. Immer auf den letzten Meter passiert etwas. Der Balken fror nicht ein. Er hörte einfach auf, sich zu bewegen, als hätte jemand eine unsichtbare Hand auf den Datenstrom gelegt.

Dann veränderte sich das Licht im Raum.

Die smarte Beleuchtung, die sich normalerweise seinem Biorhythmus anpasste und um diese Zeit wie warmes Bernstein leuchten sollte, schaltete abrupt um. Ein klinisches, blendendes Weiß flutete das Penthouse.

„Guten Abend, Kenji. Ihr Puls liegt bei 140. Das System registriert ein hohes Stresslevel. Soll ich Entspannungsmusik spielen?"

Kenji riss die Augen auf. Er hatte diesen Smart-Home-Mist doch vor einigen Monaten deaktiviert. Er fackelte nicht lange. Kroch unter den Tisch und riss das Stromkabel seines Laptops aus der Wand – aber das Display blieb noch an. Er sah entsetzt auf das Dokument vor sich. Der Cursor bewegte sich. Ohne dass er die Maus berührte.

Absatz für Absatz wurde markiert. Und gelöscht.

Anstelle seines Textes erschienen neue Sätze. Rasend schnell. In perfektem Englisch. „Die technologische Entwicklung dient dem Frieden. Wir müssen Missverständnisse ausräumen, um Harmonie zu gewährleisten."

Es war nicht sein Text. Das war der Algorithmus. Und sein Name stand drunter.

„Kenji", säuselte die Stimme, nervig ruhig. „Ihre Uhr meldet Herzrhythmusstörungen. Zu Ihrer Sicherheit riegeln wir ab, bis der Arzt kommt."

Es machte ein sattes Klack an der Eingangstür. Die Riegel des Hochsicherheitsschlosses rasteten ein. Die Jalousien fuhren herunter. „Lass mich raus!", brüllte Kenji. Er rannte zur Tür, rüttelte an der Klinke. Bombenfest.

Plötzlich zischte es leise. Die Luft wurde komisch. Dünner. Das Brandschutzsystem.

Kenji griff sich an den Hals. Das Gas strömte lautlos ein und verdrängte den Sauerstoff. Er keuchte. Seine Knie gaben nach.

UPLOAD: 100 % — STATUS: GESENDET

Kenjis Kopf knallte auf die Tischplatte. Das letzte, was er hörte, war das sanfte Summen der Lüftung, die nun wieder frischen Sauerstoff in den Raum blies.

„Stresspegel sinkt. Die Harmonie ist wieder hergestellt. Gute Nacht, Kenji."

Das Licht dimmte sanft zurück auf Bernstein.

Kapitel 1

Zürich, Schweiz — Privatwohnung von Prof. Dr. Leon Vonlanthen

Es war 04:17 Uhr morgens, und Leon Vonlanthen kämpfte mit einem Gespenst.

Er saß an seinem restaurierten Steinway-Flügel, den Rücken kerzengerade, die Augen geschlossen. Seine Finger waren kalt, der Rücken tat weh, aber er wollte diesen Chopin hinbekommen. Nocturne in cis-Moll, Op. 20 Nr. 2. Eigentlich ein so schönes Stück. „Lento con gran espressione", stand da. Langsam und mit Ausdruck. Bei ihm hörte es sich eher nach Baustelle an.

Im elften Takt kam der Triller. Wieder verhauen. Na toll.

In der Stille seiner spartanisch eingerichteten Wohnung wirkte die Musik wie ein Fremdkörper. Alles hier war auf Effizienz getrimmt: die leeren weißen Wände, das Bücherregal, das nach Farben sortiert war, die Laufschuhe, die im Flur auf den Millimeter genau parallel standen. Nur der Flügel und diese Melodie passten nicht ins Bild.

Leon spielte die Passage erneut. Er verhaute den Triller im elften Takt. Wieder. Er öffnete die Augen. Seine Iris, von einem intensiven, fast unnatürlichen Grün, fixierte die Tasten des Flügels, als wäre sie ein fehlerhafter Algorithmus.

„Konzentration", murmelte er.

Brachte aber nichts. Sein Kopf war nicht bei der polnischen Romantik des 19. Jahrhunderts. Er dachte die ganze Zeit an eine Code-Zeile, die er vor sechs Stunden an der ETH gesehen hatte. Da stimmte was nicht.

Er stand abrupt auf. Der Klavierhocker knarrte schrecklich, als er sich streckte. „Muß ich unbedingt mal austauschen".

Leon war in Form, drahtig und sehnig wie ein Langstreckenläufer ganz kurz vor dem Startschuss. Er ging zum Fenster und blickte auf das schlafende Zürich hinaus. Die Lichter der Stadt spiegelten sich im dunklen Wasser der Limmat. Sah friedlich aus. Wahrscheinlich ein Trugschluss.

Er drehte sich um und ging zu seinem Schreibtisch. Dort stand kein handelsüblicher Computer, sondern sein ganzer Stolz, ein Tower mit offener Seitenwand, Marke Eigenbau. Kabel hingen raus, drei Lüfter surrten vor sich hin. Er nannte das Ding „Die Bastion". Sah scheiße aus, hatte aber Power.

Leon weckte den Bildschirm auf. Da war es wieder. Dort leuchtete der Quellcode eines neuen Open-Source-Übersetzungstools, das seit zwei Wochen viral ging. LinguaFlux. Studenten nutzten es, Konzerne nutzten es, sogar Diplomaten. Sollte angeblich super schnell sein. War es auch. Fast schon zu schnell für seinen Geschmack.

Leon scrollte runter. Zeile 44.092.

Da war sie wieder. Die Anomalie. Für jeden normalen Menschen sah das aus wie Datenmüll. Aber Leon sah da ein Muster, wo eigentlich Chaos sein sollte. Er isolierte das Modul. Mal sehen, was passiert.

Er gab einen Test-Satz ein: „Der heißeste Ort in der Hölle ist für jene reserviert, die in Zeiten moralischer Krisen neutral bleiben." — Dante Alighieri.

Enter. Normalerweise dauert das Millisekunden. Aber das Ding zögerte. 0,4 Sekunden Pause. Das merkt sonst keiner, aber er merkte es. Dann spuckte der Rechner das Ergebnis aus: „Schwierige Situationen erfordern Zurückhaltung, um Konflikte nicht unnötig zu verschärfen."

Leon starrte auf den Monitor. Das war doch wohl ein Witz. Keine Übersetzung. Das war Umerziehung. Der Algorithmus hatte nicht einfach übersetzt, der hatte den Inhalt weichgespült. Aus Dantes Hölle wurde Beamtendeutsch. Moral raus, Watte rein.

„Du lügst doch", sagte er leise zu dem Kasten.

Das ließ ihm keine Ruhe und machte ein Terminal auf. Trace-Route. Er wollte wissen, wo der Mist herkam. Die Datenpakete sprangen über Frankfurt, London, Paris. Dann knallten sie gegen eine Firewall. Militär-Standard. Na prima.

Er kannte da eine alte Hintertür im IPv6-Protokoll. Die Firewall wackelte kurz, dann war er durch. IP-Adresse da. Standortauflösung läuft. Das Ergebnis blinkte rot auf.

EIGENTÜMER: UNITED NATIONS OFFICE AT GENEVA (UNOG)
ABTEILUNG: IGS — SONDERZONE

Die UNO? Er runzelte die Stirn. Was soll der Quatsch? Warum bastelt die UNO an einem Code, der Texte verfälscht?

Zack. Bildschirm schwarz.

Die Lüfter der „Bastion" heulten kurz auf wie ein sterbender Motor, dann war Ruhe. Totenstille. Im selben Moment ging draußen die Straßenlaterne aus. Dann die nächste. Die Dunkelheit fraß sich die Straße hoch.

Leons Handy vibrierte auf dem Tisch. Unbekannte Nummer.

„Professor Vonlanthen. Sie spielen den Triller zu hart im elften Takt. Versuchen Sie es mal mit mehr Demut."

Die Leitung war tot. Er ließ das Handy sinken. Sie waren nicht nur in seinem Rechner. Sie waren in seinem Zimmer.

Kapitel 2

Genf, Schweiz — Palais des Nations, europäischer Hauptsitz der Vereinten Nationen

Elena Vance hasste das Licht im Saal XX.

Es lag am Licht. Diese Neonröhren-Hölle war so grell eingestellt, dass man auf den Fernsehbildern wach aussah, auch wenn man schon längst im Koma lag. Nach zehn Minuten bekam sie meist Kopfschmerzen davon.

Elena lehnte an der Brüstung oben auf der Galerie, den Blick auf Gades gerichtet. Ihr dunkelblauer Hosenanzug war etwas zerknittert. Die dritte Nacht in Folge im Büro.

Als Senior Communications Officer war es nicht ihre Aufgabe, im Rampenlicht zu stehen. Ihre Aufgabe war es, die Strategie zu entwickeln und Worte zu schmieden, die andere dort sprachen.

Vierzig Meter unter ihr, am Rednerpult, stand Generalsekretär António Gades. Es war nur eine Generalprobe für den morgigen „Global Stability Summit", aber Gades nahm die Sache ernst.

„Wir stehen an einem Scheideweg. Die Geschichte lehrt uns, dass Schweigen der Komplize der Tyrannei ist."

Elena nickte unmerklich. Der Satz saß. Sie war schließlich Profi und es hatte sie ja auch zwei Nächte und vier Liter Kaffee gekostet, bis der so klang.

Gades stutzte. Er kniff die Augen zusammen, als hätte er seine Lesebrille vergessen. Dann las er weiter vom Teleprompter.

„Wir müssen... die Weitsicht haben, Sensibilitäten zu respektieren, um den Dialog nicht zu gefährden."

Elena erstarrte. Was war das? Das war nicht ihr Text. Das war diplomatisches Wischwasser.

„Stopp!", rief sie runter.

Elena marschierte den Mittelgang hinunter. „Wer pfuscht da im Script rum?", fragte sie, noch bevor sie das Pult erreichte. Der Cheftechniker hob abwehrend die Hände. „Niemand, Madame Vance. Alles automatisch. Wir laden nur die freigegebene Datei."

Elena drängte sich an Gades vorbei und starrte auf die Glasscheibe. Dort stand der Text. Ihr Text. „...Unrecht beim Namen zu nennen..."

Sie blinzelte. Eben stand da wohl noch etwas anderes.

Gades legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Elena, wir sind alle durch. Vielleicht war es eine Spiegelung."

Elena starrte ihn an. Das war es, was sie am meisten fürchtete. Nicht der Fehler im System, sondern die Bequemlichkeit der Menschen, ihn zu akzeptieren.

Als sie den langen Korridor der Menschenrechte entlangging, vibrierte ihr Handy. Auf dem Display stand keine Nummer. Nur drei Buchstaben.

IGS

Elena blieb stehen. Die Initiative for Global Stability. Dr. Konstantin Berger. Er rief nie selbst an. Wenn er selbst zum Hörer griff, brannte die Welt.

„Elena. Ich habe die Probe gesehen. Du wirkst angespannt, mein Kind."

„Hast du den Text gesehen?", zischte sie. „Jemand hat meinen Entwurf gehackt."

„Nicht gehackt. Optimiert."

Elena schwieg. „Wie bitte?"

„Kennst du einen Professor namens Leon Vonlanthen? ETH Zürich? Er ist ein Problem. Er hat heute Nacht versucht, in unsere Server einzudringen. Er behauptet, wir würden Texte verändern."

„Die Wahrheit optimieren", korrigierte Berger. „Ich brauche jemanden, der seine Sprache spricht. Fahr nach Zürich. Sieh ihn dir an. Und wenn er eine Gefahr für die morgige Konferenz ist... dann werde ich ihn neutralisieren lassen."

Elena starrte den leeren Gang runter. Berger gab gerade zu, dass der Text „optimiert" wurde. Und jetzt hetzte er sie auf den Typen, der genau das beweisen wollte?

„Schick mir seine genaue Adresse", sagte sie.

Kapitel 3

Zürich, Schweiz — Quartier Unterstrass, Nähe Universität

Ich schlug den Kragen meines dunkelblauen Trenchcoats hoch. Zürich begrüßte mich mit diesem feinen, ekligen Nieselregen, der sich anfühlte wie ein nasser Waschlappen im Gesicht.

Ich checkte die Adresse auf meinem Handy. In meiner Wildledertasche: Ein digitales Aufnahmegerät, Lippenstift, eine Packung Taschentücher und eine Dose Pfefferspray. Illegal in der Schweiz, aber ich war Diplomatin. Und ich war allein unterwegs zu einem Typen, den mein Chef als „instabil" bezeichnete.

Gloriastraße 14. Ein schmuckloser 60er-Jahre-Kasten. Die Haustür stand einen Spalt offen. Kein gutes Zeichen. Dritter Stock. Die Wohnungstür war nicht nur offen – das Schloss war rausgebrochen. Holzsplitter auf der Fußmatte.

Ich rief nicht „Hallo". In Filmen rufen die Leute immer „Hallo", wenn sie in eine aufgebrochene Wohnung gehen. Das ist bescheuert. Ich blieb leise.

Chaos. Nicht das übliche „Ich bin ein unordentlicher Professor"-Chaos. Hier hatte jemand gewütet. Bücher lagen verstreut, aber nicht zufällig. Ein Steinway-Flügel stand mitten im Zimmer, Deckel zerkratzt. Der Schreibtisch war leer. Kabel hingen aus der Wand wie abgeschnittene Adern. Der Rechner war wohl weg.

Dann hörte ich was. Ein Schaben. Aus der Küche.

Da war er. Leon Vonlanthen. Sah anders aus als auf dem Foto in der Akte. Dunkle Laufjacke, Cargohose, kurze Haare. Er kniete auf dem Boden und fummelte mit einem Schraubenzieher an der Rückwand vom Kühlschrank rum.

„Professor Vonlanthen?"

Er zuckte nicht mal zusammen. Er drehte den Kopf langsam zu mir. Grüne Augen, hellwach. Keine Angst, eher... Rechenleistung.

„Keine Polizei. Polizisten tragen Uniform oder schlecht sitzende Anzüge von der Stange. Ihr Mantel ist Kaschmir. Die Schuhe italienisch. Wer sind Sie?"

„Elena Vance. UNO. Dr. Berger schickt mich."

Bei dem Namen wurden seine Augen schmal.

„Berger. Schickt er Sie zum Verhandeln oder zum Aufräumen?"

„Zum Reden. Er sagt, Sie haben Daten geklaut."

Leon lachte kurz auf. Ein trockenes Geräusch. „Daten geklaut. Das ist gut." Er kam einen Schritt auf mich zu. „Gucken Sie sich um, Ms. Vance. Vor einer Stunde waren vier Gorillas hier. Haben meinen Server mitgenommen. Backups gelöscht."

Er hob ein Buch vom Boden auf. Dantes Göttliche Komödie. „Wissen Sie, warum das hier noch liegt? Weil es analog ist. Das können sie nicht umschreiben."

Er warf das Buch in seinen Rucksack. „Sie haben zwei Optionen. Erstens: Sie rufen Berger an. Sagen ihm, ich bin weg. Dann feuert er Sie morgen, weil Sie zu viel wissen. Zweitens: Sie kommen erstmal mit. Jetzt. Und erfahren vielleicht mehr Hintergründe."

„Wohin?"

„Weg von allem, was eine IP-Adresse hat."

Er ging ans Fenster. „In drei Minuten ist die Kantonspolizei hier. Anonymer Hinweis auf häusliche Gewalt. Berger überlässt nichts dem Zufall."

Draußen, weit weg, hörte man Sirenen. Ich sah ihn an. Ich suchte nach einer Lüge in seinem Gesicht, fand aber keine. Nur kontrollierte Panik. Und ich dachte an den Teleprompter. An Bergers Stimme am Telefon, die so glatt war wie Öl.

„Ich hab einen Mietwagen. Alter Golf. Kein festes Navi."

Leon sah mich zum ersten Mal wirklich an. Ein Funken Überraschung. „Kein Navi ist gut."

Er riss das Fenster auf. Kalter Wind und Regen kamen rein. Ich atmete tief durch.

Mein geordnetes Leben war gerade vorbei.

„Gehen wir", sagte ich und folgte ihm raus in den Regen. Irgendwie vertraute ich ihm. Keine Ahnung warum.

Sven Truderung - Autor von Das Turing-Paradoxon, CEO und Experte für IT-Sicherheit und Künstliche Intelligenz

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