Zürich, Schweiz — Privatwohnung von Prof. Dr. Leon Vonlanthen
Es war 04:17 Uhr morgens, und Leon Vonlanthen kämpfte mit einem Gespenst.
Er saß an seinem restaurierten Steinway-Flügel, den Rücken kerzengerade, die Augen geschlossen. Seine Finger waren kalt, der Rücken tat weh, aber er wollte diesen Chopin hinbekommen. Nocturne in cis-Moll, Op. 20 Nr. 2. Eigentlich ein so schönes Stück. „Lento con gran espressione", stand da. Langsam und mit Ausdruck. Bei ihm hörte es sich eher nach Baustelle an.
Im elften Takt kam der Triller. Wieder verhauen. Na toll.
In der Stille seiner spartanisch eingerichteten Wohnung wirkte die Musik wie ein Fremdkörper. Alles hier war auf Effizienz getrimmt: die leeren weißen Wände, das Bücherregal, das nach Farben sortiert war, die Laufschuhe, die im Flur auf den Millimeter genau parallel standen. Nur der Flügel und diese Melodie passten nicht ins Bild.
Leon spielte die Passage erneut. Er verhaute den Triller im elften Takt. Wieder. Er öffnete die Augen. Seine Iris, von einem intensiven, fast unnatürlichen Grün, fixierte die Tasten des Flügels, als wäre sie ein fehlerhafter Algorithmus.
„Konzentration", murmelte er.
Brachte aber nichts. Sein Kopf war nicht bei der polnischen Romantik des 19. Jahrhunderts. Er dachte die ganze Zeit an eine Code-Zeile, die er vor sechs Stunden an der ETH gesehen hatte. Da stimmte was nicht.
Er stand abrupt auf. Der Klavierhocker knarrte schrecklich, als er sich streckte. „Muß ich unbedingt mal austauschen".
Leon war in Form, drahtig und sehnig wie ein Langstreckenläufer ganz kurz vor dem Startschuss. Er ging zum Fenster und blickte auf das schlafende Zürich hinaus. Die Lichter der Stadt spiegelten sich im dunklen Wasser der Limmat. Sah friedlich aus. Wahrscheinlich ein Trugschluss.
Er drehte sich um und ging zu seinem Schreibtisch. Dort stand kein handelsüblicher Computer, sondern sein ganzer Stolz, ein Tower mit offener Seitenwand, Marke Eigenbau. Kabel hingen raus, drei Lüfter surrten vor sich hin. Er nannte das Ding „Die Bastion". Sah scheiße aus, hatte aber Power.
Leon weckte den Bildschirm auf. Da war es wieder. Dort leuchtete der Quellcode eines neuen Open-Source-Übersetzungstools, das seit zwei Wochen viral ging. LinguaFlux. Studenten nutzten es, Konzerne nutzten es, sogar Diplomaten. Sollte angeblich super schnell sein. War es auch. Fast schon zu schnell für seinen Geschmack.
Leon scrollte runter. Zeile 44.092.
Da war sie wieder. Die Anomalie. Für jeden normalen Menschen sah das aus wie Datenmüll. Aber Leon sah da ein Muster, wo eigentlich Chaos sein sollte. Er isolierte das Modul. Mal sehen, was passiert.
Er gab einen Test-Satz ein: „Der heißeste Ort in der Hölle ist für jene reserviert, die in Zeiten moralischer Krisen neutral bleiben." — Dante Alighieri.
Enter. Normalerweise dauert das Millisekunden. Aber das Ding zögerte. 0,4 Sekunden Pause. Das merkt sonst keiner, aber er merkte es. Dann spuckte der Rechner das Ergebnis aus: „Schwierige Situationen erfordern Zurückhaltung, um Konflikte nicht unnötig zu verschärfen."
Leon starrte auf den Monitor. Das war doch wohl ein Witz. Keine Übersetzung. Das war Umerziehung. Der Algorithmus hatte nicht einfach übersetzt, der hatte den Inhalt weichgespült. Aus Dantes Hölle wurde Beamtendeutsch. Moral raus, Watte rein.
„Du lügst doch", sagte er leise zu dem Kasten.
Das ließ ihm keine Ruhe und machte ein Terminal auf. Trace-Route. Er wollte wissen, wo der Mist herkam. Die Datenpakete sprangen über Frankfurt, London, Paris. Dann knallten sie gegen eine Firewall. Militär-Standard. Na prima.
Er kannte da eine alte Hintertür im IPv6-Protokoll. Die Firewall wackelte kurz, dann war er durch. IP-Adresse da. Standortauflösung läuft. Das Ergebnis blinkte rot auf.
EIGENTÜMER: UNITED NATIONS OFFICE AT GENEVA (UNOG)
ABTEILUNG: IGS — SONDERZONE
Die UNO? Er runzelte die Stirn. Was soll der Quatsch? Warum bastelt die UNO an einem Code, der Texte verfälscht?
Zack. Bildschirm schwarz.
Die Lüfter der „Bastion" heulten kurz auf wie ein sterbender Motor, dann war Ruhe. Totenstille. Im selben Moment ging draußen die Straßenlaterne aus. Dann die nächste. Die Dunkelheit fraß sich die Straße hoch.
Leons Handy vibrierte auf dem Tisch. Unbekannte Nummer.
„Professor Vonlanthen. Sie spielen den Triller zu hart im elften Takt. Versuchen Sie es mal mit mehr Demut."
Die Leitung war tot. Er ließ das Handy sinken. Sie waren nicht nur in seinem Rechner. Sie waren in seinem Zimmer.